Achtsam auf dem Weg

Es mutet geradezu grotesk an, dass wir mühsam Orte der Stille einrichten müssen, um dem lauten Strom des Alltags entfliehen zu können. Denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass unser Leben, wie wir es an „Werktagen“ führen, eigentlich wesensfremd ist. Unser Inneres ruft nach einem selbstbestimmten Energiefluss, also unserem individuellen Wesen gerecht zu werden und uns zu entfalten. Aber für die meisten Menschen gilt genau das von Montag bis mindestens Freitag nicht. Allerorts Maloche. „Muss ja“, antwortet der Ostwestfale, wenn man ihn fragt, wie es denn ginge. Und dann „Zerstreuung“, das Schlüsselwort unserer Zeit. Für viele Menschen vor dem Fernseher oder vor der Spielkonsole. Mit Alkohol oder anderen Drogen und ablenkenden Gewohnheiten. Sie kriegen vielleicht den gewissen Kick, kurzfristig, aber sie sind in diesen Fällen nicht wirklich bei sich selbst und im inneren Frieden.

Es gibt gewiss nicht DEN einen Weg, sich im Einklang zu fühlen mit sich und der Welt. Es gibt auch keine Blaupause, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Jeder folgt seiner inneren Stimme – wenn er oder sie denn hinhört.

Ich habe für mich herausgefunden, dass sich meine innere Stimme am besten meldet und verstanden fühlt, wenn ich dem Augenblick volle Aufmerksamkeit schenke. Wenn ich also voll und ganz im gegenwärtigen Moment bin und das bewusst wahrnehme, was ist. Und ich das, was ich in diesem Moment tue, mit größtmöglicher Hinwendung tue. Nicht immer ist das mit „Spaß“ verbunden, Aber mit Achtsamkeit und Achtung. Eben auch auf meine Gefühlswelt. Fühlt sich das, was ich tue, stimmig an? Dann kommen auch die stillen Momente, weil mir mein Körper oder mein Geist genau das signalisieren. Aber eben nicht im harten Kontrast zum „Alltagsgeschehen“, in Form einer Flucht, sondern eingebettet in den Alltag. Dann wird das Warten an der Haltestelle zur Achtsamkeitsübung und zur Ruheinsel. Oder das Warten beim Arzt. Oder die Zeit in einem Verkehrsstau. Oder der Spaziergang an der Sonne in der Mittagspause oder nach der Arbeit. Hier beginnt für mich bereits Meditation. Das Innehalten und Versunkensein, das mich spüren lässt – mich und meine Umgebung.

Jon Kabat-Zinn (emeritierter Professor der Medizin, Begründer der Achtsamkeitsmeditation „Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)“) sagt:

„Durch das Meditieren ist mir klargeworden, dass die Meditationspraxis eine Liebeserklärung an das Wunder des Lebens ist. Das ist keine narzisstische Liebe sondern die Einsicht, wie stark wir miteinander verbunden sind. Und dass mein Tod nur einen Atemzug davon entfernt ist. Es geht also nicht darum, ein Glaubenssystem zu übernehmen, vielmehr wird das Leben wie ein Labor gesehen, in dem wir wie Wissenschaftler unseren Körper und unseren Geist, unser Herz und das Wesen der Wirklichkeit erkunden“ (Quelle: Dokumentation: „Was uns heilig ist: Vom Wesen der Weisheit“ (ARTE, Frankreich, 2021)).

P.S. Ein Mensch meines Herzens schlug einst vor, es wäre gut, im öffentlichen Bereich „Räume der Stille“ zu errichten und allen Passanten zugänglich zu machen. Nun, ich halte das weiterhin für eine sehr gute Idee, die nach Umsetzung ruft.

JH

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