Musik des Lebens

„Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluß des Geschehens, war die Musik des Lebens“.

Hermann Hesse in „Siddhartha“

Der hundertste Affe

Die außergewöhnliche Zeit, in der wir gerade leben, geprägt durch erzwungenen Rückzug, auferlegte Isolation und Verunsicherung hat das Potenzial, uns für neue Einsichten zu öffnen. Jeder Einzelne kann viel mehr bewegen, als ihm/ihr bewusst ist.

Ich denke dieser Tage an das Ereignis aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Da beobachteten Forscher auf der japanischen Insel Kōjima eine Affenart, bei der es einen außergewöhnlichen Lernprozess gab. Entgegen der üblichen Ansicht, dass ältere Affen stets das Wissen an jüngere weitergeben, beobachtete man, dass ältere Affen plötzlich von jüngeren lernten. Was war geschehen? Die Forscher gaben einem Jungaffen Süßkartoffeln zu essen („der hundertste Affe“). Er begann diese zu waschen, bevor er sie aß. Das ahmten die anderen Jungtiere nach. Plötzlich zeigten auch die Altaffen in der Sippe dieses Verhalten. Nach und nach verbreitete es sich. Schließlich konnte dieses Verhalten auch in Kolonien außerhalb der Insel beobachtet werden – ein waschender Affe war vermutlich hinübergeschwommen.

Aus dieser Geschichte wurden pseudowissenschaftliche Schlüsse gezogen, etwa der Art, dass es einen Hundertsten bräuchte, um eine neue Entwicklungsdynamik zu initiieren. Dem möchte ich mich nicht anschließen. Vielmehr finde ich diese Geschichte bemerkenswert, weil sie doch zeigt, wieviel Macht oder Wirkung ein Einzelner haben kann, wenn er sein Verhalten sichtbar für andere ändert. Durch unsere neue, vor allem mediale Art zu kommunizieren und Informationen zu teilen, steht ein verändertes Verhalten Einzelner schneller und leichter anderen zur Verfügung. Verteilt sich auch in ungewöhnliche Richtungen.

Ob andere das Neue dann attraktiv genug finden, um es zu übernehmen, das steht auf einem anderen Blatt. Zudem wäre es, auf uns übertragen, nicht genug, einfach nur nachzuahmen. Nur aus Überzeugung hat das Neue eine dauerhafte Chance.

Und: es ist erstmal nur ein Potenzial.

JH

Ankündigung …

… nach einem längeren kreativen Anlauf.

Es sind mehrere Podcast-Folgen in Vorbereitung. Auch drei Interviews. Mit einer bemerkenswerten Dame, die als Klinik-Clown arbeitet. Mit einem Künstler, mit dem ich über die Endlichkeit spreche und was Kunstschaffende unterschiedlicher Genres und Epochen aus der Beschäftigung mit ihr ins Leben gebracht haben. Und mit einem bekannten Schauspieler über seine Rollen zwischen Leben und Tod.

„You just have to take yourself out“ – sich selbst aus dem Geschehen herausnehmen. Zum Zeugen des Geschehens werden. Höhere Achtsamkeit auf sich selbst und auf das, was ist. Mehr Klarheit über die eigene Wahrnehmung, die eigenen Gefühle, Glaubenssätze und Reaktionsmuster. Man beobachtet sich aus einer gewissen Distanz. Eine interessante Perspektive. Und ein Weg zu mehr authentischer Lebendigkeit. Davon handelt die nächste Podcast-Folge.

In Kürze hier.

Lieben Gruß

Jörg

Kafka, das Mädchen und die Puppe

Franz Kafka (1883-1924) schlenderte durch den Berliner Steglitz-Park, als er ein junges Mädchen traf, das sich die Augen ausweinte, weil es seine Lieblingspuppe verloren hatte. Sie und Kafka suchten erfolglos nach der Puppe. Kafka sagte ihr, sie solle ihn am nächsten Tag dort treffen und sie würden wieder suchen.Am nächsten Tag, als sie die Puppe immer noch nicht gefunden hatten, gab Kafka dem Mädchen einen von der Puppe „geschriebenen“ Brief, in dem stand: „Bitte nicht weinen. Ich bin auf eine Reise gegangen, um die Welt zu sehen. Ich werde dir von meinen Abenteuern schreiben.“ So begann eine Geschichte, die bis zum Ende von Kafkas Leben weiterging. Als sie sich trafen, las Kafka seine sorgfältig verfassten Briefe mit Abenteuern und Gesprächen über die geliebte Puppe vor, die das Mädchen bezaubernd fand. Schließlich las Kafka ihr einen Brief mit der Geschichte vor, die die Puppe nach Berlin zurückbrachte, und er schenkte ihr dann eine Puppe, die er gekauft hatte. „Die sieht meiner Puppe überhaupt nicht ähnlich“, sagte sie. Kafka übergab ihr einen weiteren Brief, in dem er erklärte: „Meine Reisen, sie haben mich verändert.“ Das Mädchen umarmte die neue Puppe und nahm sie mit nach Hause. Ein Jahr später starb Kafka.Viele Jahre später fand das nun erwachsene Mädchen einen Brief in einer unbemerkten Spalte der Puppe. In dem winzigen, von Kafka unterschriebenen Brief stand: „Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren.“NetzfundAnmerkung J. Hesse: Ob die „Puppenbriefe“ tatsächlich von Kafka geschrieben wurden und ob sie existieren, ist bis heute nicht bewiesen. Lediglich seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant erzählte davon.

Netzfund

Anmerkung JH: Ob die „Puppenbriefe“ tatsächlich von Kafka geschrieben wurden und ob sie existieren, ist bis heute nicht bewiesen. Lediglich seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant erzählte davon.

Grafik: Isabel Torner

Die Seele will frei sein

So der Titel des Buches von Michael A. Singer, das ich ans Herz lege. Es trägt den Untertitel: „Eine Reise zu sich selbst“.

Singer ist ein international renommierter spiritueller Lehrer und erfolgreicher Unternehmer. Er widmet in seinem 2007 erstmalig erschienenen Buch eigens ein Kapitel dem Nachdenken über den Tod. Dort heißt es:

„Es ist schon ein großes kosmisches Paradoxon, dass einer unserer besten Lehrer in sämtlichen Lebensbereichen der Tod ist. Keine Person, keine Situation könnte uns je so viel beibringen, wie der Tod uns beibringen kann. Andere können uns vielleicht sagen, dass wir nicht unser Körper sind; der Tod aber zeigt uns das. Andere können uns die Bedeutungslosigkeit der Dinge, an die wir uns klammern, vielleicht bewusst machen; der Tod aber nimmt uns alles von einem Augenblick zum anderen weg. Andere können uns vielleicht beibringen, dass die Angehörigen sämtlicher Rassen gleich sind und dass zwischen Arm und Reich kein Unterschied besteht; der Tod aber sorgt mit einem Schlag dafür, dass wir alle gleich sind. Die Frage ist: Wollen Sie bis zu Ihrem letzten Atemzug warten, bis Sie den Tod zu Ihrem Lehrer machen?“

Und an anderer Stelle heißt es:

„Sie haben Angst vor dem Tod, weil Sie Sehnsucht nach dem Leben haben“ […] „Doch denken Sie daran, es ist nicht Ihr Leben. Sie sollten das Leben erleben, das Ihnen zukommt, nicht das Leben, von dem Sie gern hätten, dass es Ihnen begegnet.“

Ich werde diese Gedanken in einer Podcastfolge aufgreifen.

JH

Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst

«Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst. Eines Tages ist alles vorbei. Ich hoffe aber, dass ich noch viele Jahre vor mir habe. Meine Arbeit hält mich am Leben. Ich liebe das Leben und genieße jeden Tag».

«Früher dachte ich, ich wüsste alles besser – jetzt weiß ich, dass ich nichts weiß. Das gibt mir inneren Frieden».

Anthony Hopkins im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen, August 2021

Ruhe im Sturm

Medial ist die Welt in omnipotenter Weise präsent. Waldbrände an vielen Orten gleichzeitig. An anderen Orten zu viel Wasser. Folgen der Erderwärmung? Auf Haiti menschliche Tragödien. Afghanistan ist zwar weit weg, doch dieses Land, nie zur Ruhe gekommen, versinkt jetzt im Chaos und wir sehen zu. An Corona haben wir uns leidvoll gewöhnt – glaubten, es wäre nun bald vorbei; stattdessen trifft eine widrige Entwicklung nun auf politisches Kalkül derer, die Wahlen gewinnen müssen.

Wieviele Brandherde, natürliche wie politische, habe ich hier nicht aufgezählt. So viel Sturm. So viel Unruhe. So viel Unsicherheit.

Wegsehen? Nein. Helfen, wo man kann? Ja. Aber der gegenwärtige Moment nur zählt. Ich kann nicht überall zur gleichen Zeit sein. Ich kann nicht Leid vermeiden, tausende Kilometer entfernt, während ich hier bin. Aber ich kann dem Menschen, der neben mir steht, ein Lächeln schenken. Ich kann dem Bettler an der Straßenecke etwas zu essen anbieten. Ich kann dem Freund, dem es schlecht geht, Zeit widmen und zuhören.

Ich kann Liebender sein, da wo ich bin und wo ich wirken kann. Ruhe im Sturm kann ich sein.

JH

Ohne Ende

Dort,
wo der Himmel
die Erde berührt,
das Sichtbare endet,
an einem Horizont, 
der keinen festen Ort kennt.

Dort
denkst du das Ende.  
Doch es zeigt sich nicht. 

JH