Letzte Worte für einen Freund

Er hatte mich zu Lebzeiten gebeten, auf seiner Beerdigung den Nekrolog zu halten. Ich hatte es ihm versprochen. Er war gesundheitlich schon angeschlagen; aber der Tag, an dem ich mein Versprechen werde einlösen müssen, schien dennoch weit weg zu sein. Die Notizen aus unserem Gespräch legte ich achtsam an einen besonderen Platz.

Der besagte Tag kam. Kürzlich. Unerwartet für mich. Der Tod kommt meist unerwartet. Die Witwe meines Freundes rief mich an. Wir trafen uns zu einem Gespräch über ihren verstorbenen Ehemann und ich nahm noch Worte, Begebenheiten mit auf, die ihr und den Töchtern wichtig waren.

Ich hatte die Rede nicht vorgeschrieben. Das hätte mein Gewissen nicht zugelassen. So wurden die kommenden Abende und zwei Nächte recht kurz.

Ich ließ das Leben meines Freundes Revue passieren. Er war stolz auf vieles, was sein Leben im Außen sichtbar machte. Beruflicher Erfolg. Ein besonderes Hobby. Ein schönes Zuhause. Frau und Kinder. Eine gescheiterte Ehe – mein Freund sprach von einer unglücklichen Trennung. Meist sind Trennungen unglücklich. Er aber meinte, es wäre wohl zum Großteil seine Nachlässigkeit gewesen. Das bezeichnet er als unglücklich, denn er machte sich Schuldvorwürfe. Der Beruf stand über allem. Mein Freund war viel unterwegs, meist längere Zeiten in China. In Italien. Eine Tochter berichtet mir, dass sich Papa erst spürbar für sie interessierte, als sie 16 war. Ein Sinneswandel war damit noch nicht verbunden. Mein Freund nahm erst die Kurve, als ihn ein Schlaganfall ausbremste. Jetzt spürte er, dass etwas nicht in Balance war. Er quittierte seinen Job, der zu viel von ihm abverlangte. Er vertiefte sich in spirituelle Fragen. Er nahm sich mehr Zeit für Freunde. Wirkliche Freunde. Er übernahm Ehrenämter, ohne in einen neuen Stress abzugleiten. Beruflich hatte er als Handelsvertreter mehr Autonomie über seine Zeiteinteilung. Das Leben entschleunigte, aber vertiefte sich. Weniger Oberfläche, weniger Schein.

Als ich mit ihm zusammengesessen hatte bei einem Glas Wein und er mir von seinem Leben erzählte, wurden seine Augen feucht und seine Stimme überschlug sich ein wenig. Das war die mir wohlbekannte Reaktion meines Freundes, wenn er innerlich berührt war. Er konnte berührt werden. Er ließ sich berühren. Er verkörperte eine Form der Lebendigkeit und Ehrlichkeit zu sich selbst, dass es einen mitriss.

Ich habe die Trauerrede gehalten. Es war mir eine große Ehre. Und ich habe sie in seinem Sinne so gehalten, dass alle Anwesenden spüren konnten, worauf es im Leben meines Freundes letzten Endes ankam. Was hat zu seiner Zufriedenheit geführt? Was würde bleiben? Worüber würden die Menschen sprechen, wenn sie an ihn denken? Es blieb der Mensch, wie ihn das Leben zeichnete. Der Mensch in seinem wahren Kern. Der Mensch und seine seelische Entwicklung. Das machte ihn so wertvoll.

Es fehlt an nichts

… sagte ich mir heute. Und ich sage es immer öfter. Verbunden mit dem Gefühl von Zufriedenheit.

Zeitvergessen saß ich am Wasser. Smartphone aus. Nichts vor. Ein gutes Buch. Ein Tee. Eingekuschelt in eine warme Jacke, denn übers Ufer zog ein frischer Wind.

Innere Stille, die ganz viel Raum schafft für Lebendigkeit in ihrer präsentesten Form.

Brauchen wir wirklich mehr? Wovon? Nein, es ist das tiefere Erlebnis von Gegenwärtigkeit, was uns abgeht. Dazu braucht es nur Loslassen. Und 100%iges Einlassen auf das, was jetzt ist. Sonst nichts.

Das Buch, welches ich gerade lese, passt zum Thema und ich kann es empfehlen: von Ryan Holiday „In der Stille liegt dein Weg“.

No teatime!

Er war ein bedeutender Vertreter des Zen-Buddhismus: Shunryu Suzuki (1904 – 1971). Offenkundig nicht nur ein entspannter, auch ein humorvoller Geist, wenn er zitiert wird mit den Worten:

„Leave your front door and your back door open. Allow your thoughts to come and go. Just don’t serve them tea.“

Kafka, das Mädchen und die Puppe

Ein willkommenes Fundstück, das für den Anfang meines Blogs geradezu prädestiniert ist.

Franz Kafka (1883-1924) schlenderte durch den Berliner Steglitz-Park, als er ein junges Mädchen traf, das sich die Augen ausweinte, weil es seine Lieblingspuppe verloren hatte. Sie und Kafka suchten erfolglos nach der Puppe. Kafka sagte ihr, sie solle ihn am nächsten Tag dort treffen und sie würden wieder suchen.Am nächsten Tag, als sie die Puppe immer noch nicht gefunden hatten, gab Kafka dem Mädchen einen von der Puppe „geschriebenen“ Brief, in dem stand: „Bitte nicht weinen. Ich bin auf eine Reise gegangen, um die Welt zu sehen. Ich werde dir von meinen Abenteuern schreiben.“ So begann eine Geschichte, die bis zum Ende von Kafkas Leben weiterging. Als sie sich trafen, las Kafka seine sorgfältig verfassten Briefe mit Abenteuern und Gesprächen über die geliebte Puppe vor, die das Mädchen bezaubernd fand. Schließlich las Kafka ihr einen Brief mit der Geschichte vor, die die Puppe nach Berlin zurückbrachte, und er schenkte ihr dann eine Puppe, die er gekauft hatte. „Die sieht meiner Puppe überhaupt nicht ähnlich“, sagte sie. Kafka übergab ihr einen weiteren Brief, in dem er erklärte: „Meine Reisen, sie haben mich verändert.“ Das Mädchen umarmte die neue Puppe und nahm sie mit nach Hause.

Ein Jahr später starb Kafka.

Viele Jahre später fand das nun erwachsene Mädchen einen Brief in einer unbemerkten Spalte der Puppe. In dem winzigen, von Kafka unterschriebenen Brief stand: „Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren.“

(Netzfund)

Anmerkung J. Hesse: Ob die „Puppenbriefe“ tatsächlich von Kafka geschrieben wurden und ob sie existieren, ist bis heute nicht bewiesen. Lediglich seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant erzählte davon.

Grafik: Isabel Torner