Musik des Lebens

„Und alles zusammen, alle Stimmen, alle Ziele, alles Sehnen, alle Leiden, alle Lust, alles Gute und Böse, alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluß des Geschehens, war die Musik des Lebens“.

Hermann Hesse in „Siddhartha“

Der hundertste Affe

Die außergewöhnliche Zeit, in der wir gerade leben, geprägt durch erzwungenen Rückzug, auferlegte Isolation und Verunsicherung hat das Potenzial, uns für neue Einsichten zu öffnen. Jeder Einzelne kann viel mehr bewegen, als ihm/ihr bewusst ist.

Ich denke dieser Tage an das Ereignis aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Da beobachteten Forscher auf der japanischen Insel Kōjima eine Affenart, bei der es einen außergewöhnlichen Lernprozess gab. Entgegen der üblichen Ansicht, dass ältere Affen stets das Wissen an jüngere weitergeben, beobachtete man, dass ältere Affen plötzlich von jüngeren lernten. Was war geschehen? Die Forscher gaben einem Jungaffen Süßkartoffeln zu essen („der hundertste Affe“). Er begann diese zu waschen, bevor er sie aß. Das ahmten die anderen Jungtiere nach. Plötzlich zeigten auch die Altaffen in der Sippe dieses Verhalten. Nach und nach verbreitete es sich. Schließlich konnte dieses Verhalten auch in Kolonien außerhalb der Insel beobachtet werden – ein waschender Affe war vermutlich hinübergeschwommen.

Aus dieser Geschichte wurden pseudowissenschaftliche Schlüsse gezogen, etwa der Art, dass es einen Hundertsten bräuchte, um eine neue Entwicklungsdynamik zu initiieren. Dem möchte ich mich nicht anschließen. Vielmehr finde ich diese Geschichte bemerkenswert, weil sie doch zeigt, wieviel Macht oder Wirkung ein Einzelner haben kann, wenn er sein Verhalten sichtbar für andere ändert. Durch unsere neue, vor allem mediale Art zu kommunizieren und Informationen zu teilen, steht ein verändertes Verhalten Einzelner schneller und leichter anderen zur Verfügung. Verteilt sich auch in ungewöhnliche Richtungen.

Ob andere das Neue dann attraktiv genug finden, um es zu übernehmen, das steht auf einem anderen Blatt. Zudem wäre es, auf uns übertragen, nicht genug, einfach nur nachzuahmen. Nur aus Überzeugung hat das Neue eine dauerhafte Chance.

Und: es ist erstmal nur ein Potenzial.

JH

Kafka, das Mädchen und die Puppe

Franz Kafka (1883-1924) schlenderte durch den Berliner Steglitz-Park, als er ein junges Mädchen traf, das sich die Augen ausweinte, weil es seine Lieblingspuppe verloren hatte. Sie und Kafka suchten erfolglos nach der Puppe. Kafka sagte ihr, sie solle ihn am nächsten Tag dort treffen und sie würden wieder suchen.Am nächsten Tag, als sie die Puppe immer noch nicht gefunden hatten, gab Kafka dem Mädchen einen von der Puppe „geschriebenen“ Brief, in dem stand: „Bitte nicht weinen. Ich bin auf eine Reise gegangen, um die Welt zu sehen. Ich werde dir von meinen Abenteuern schreiben.“ So begann eine Geschichte, die bis zum Ende von Kafkas Leben weiterging. Als sie sich trafen, las Kafka seine sorgfältig verfassten Briefe mit Abenteuern und Gesprächen über die geliebte Puppe vor, die das Mädchen bezaubernd fand. Schließlich las Kafka ihr einen Brief mit der Geschichte vor, die die Puppe nach Berlin zurückbrachte, und er schenkte ihr dann eine Puppe, die er gekauft hatte. „Die sieht meiner Puppe überhaupt nicht ähnlich“, sagte sie. Kafka übergab ihr einen weiteren Brief, in dem er erklärte: „Meine Reisen, sie haben mich verändert.“ Das Mädchen umarmte die neue Puppe und nahm sie mit nach Hause. Ein Jahr später starb Kafka.Viele Jahre später fand das nun erwachsene Mädchen einen Brief in einer unbemerkten Spalte der Puppe. In dem winzigen, von Kafka unterschriebenen Brief stand: „Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren.“NetzfundAnmerkung J. Hesse: Ob die „Puppenbriefe“ tatsächlich von Kafka geschrieben wurden und ob sie existieren, ist bis heute nicht bewiesen. Lediglich seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant erzählte davon.

Netzfund

Anmerkung JH: Ob die „Puppenbriefe“ tatsächlich von Kafka geschrieben wurden und ob sie existieren, ist bis heute nicht bewiesen. Lediglich seine letzte Lebensgefährtin Dora Diamant erzählte davon.

Grafik: Isabel Torner

Die Seele will frei sein

So der Titel des Buches von Michael A. Singer, das ich ans Herz lege. Es trägt den Untertitel: „Eine Reise zu sich selbst“.

Singer ist ein international renommierter spiritueller Lehrer und erfolgreicher Unternehmer. Er widmet in seinem 2007 erstmalig erschienenen Buch eigens ein Kapitel dem Nachdenken über den Tod. Dort heißt es:

„Es ist schon ein großes kosmisches Paradoxon, dass einer unserer besten Lehrer in sämtlichen Lebensbereichen der Tod ist. Keine Person, keine Situation könnte uns je so viel beibringen, wie der Tod uns beibringen kann. Andere können uns vielleicht sagen, dass wir nicht unser Körper sind; der Tod aber zeigt uns das. Andere können uns die Bedeutungslosigkeit der Dinge, an die wir uns klammern, vielleicht bewusst machen; der Tod aber nimmt uns alles von einem Augenblick zum anderen weg. Andere können uns vielleicht beibringen, dass die Angehörigen sämtlicher Rassen gleich sind und dass zwischen Arm und Reich kein Unterschied besteht; der Tod aber sorgt mit einem Schlag dafür, dass wir alle gleich sind. Die Frage ist: Wollen Sie bis zu Ihrem letzten Atemzug warten, bis Sie den Tod zu Ihrem Lehrer machen?“

Und an anderer Stelle heißt es:

„Sie haben Angst vor dem Tod, weil Sie Sehnsucht nach dem Leben haben“ […] „Doch denken Sie daran, es ist nicht Ihr Leben. Sie sollten das Leben erleben, das Ihnen zukommt, nicht das Leben, von dem Sie gern hätten, dass es Ihnen begegnet.“

Ich werde diese Gedanken in einer Podcastfolge aufgreifen.

JH

Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst

«Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst. Eines Tages ist alles vorbei. Ich hoffe aber, dass ich noch viele Jahre vor mir habe. Meine Arbeit hält mich am Leben. Ich liebe das Leben und genieße jeden Tag».

«Früher dachte ich, ich wüsste alles besser – jetzt weiß ich, dass ich nichts weiß. Das gibt mir inneren Frieden».

Anthony Hopkins im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen, August 2021

Ruhe im Sturm

Medial ist die Welt in omnipotenter Weise präsent. Waldbrände an vielen Orten gleichzeitig. An anderen Orten zu viel Wasser. Folgen der Erderwärmung? Auf Haiti menschliche Tragödien. Afghanistan ist zwar weit weg, doch dieses Land, nie zur Ruhe gekommen, versinkt jetzt im Chaos und wir sehen zu. An Corona haben wir uns leidvoll gewöhnt – glaubten, es wäre nun bald vorbei; stattdessen trifft eine widrige Entwicklung nun auf politisches Kalkül derer, die Wahlen gewinnen müssen.

Wieviele Brandherde, natürliche wie politische, habe ich hier nicht aufgezählt. So viel Sturm. So viel Unruhe. So viel Unsicherheit.

Wegsehen? Nein. Helfen, wo man kann? Ja. Aber der gegenwärtige Moment nur zählt. Ich kann nicht überall zur gleichen Zeit sein. Ich kann nicht Leid vermeiden, tausende Kilometer entfernt, während ich hier bin. Aber ich kann dem Menschen, der neben mir steht, ein Lächeln schenken. Ich kann dem Bettler an der Straßenecke etwas zu essen anbieten. Ich kann dem Freund, dem es schlecht geht, Zeit widmen und zuhören.

Ich kann Liebender sein, da wo ich bin und wo ich wirken kann. Ruhe im Sturm kann ich sein.

JH

Endlich wieder „thumeln“

Nach Monaten der Entbehrung:

auf einen gepflegten Cappuccino mit Freund und Künstler Cornelius Rinne in unserem Lieblingscafé in der Bielefelder Altstadt. Wie gewohnt anregende Gespräche und neue Impulse.

Wanderschaft

Leben ist Wandern und Verweilen. Gehen, um weiterzukommen und sich dem Fluß des Lebens hinzugeben. Verweilen, um auf dieser Wanderschaft den Moment auf sich wirken zu lassen. Wann für Bewegung, wann für Innehalten die richtige Zeit ist, spürst du, wenn du mit deinem Herzen und allen Sinnen offen bist. Zuweilen zwingt uns das Leben zum Innehalten. Nämlich genau dann, wenn wir eine Lektion verstehen sollen. Tun wir dies nicht, führt uns das Leben immer wieder an diese Stelle zurück auf unserer Wanderschaft – bis wir‘s verstanden haben.

Heute wandere ich – und verweile von Zeit zu Zeit. Ein Rucksack, gefüllt mit Erfahrung, einer Stulle, einer Flasche Wasser und mit einem guten Buch.

In besonders reizvoller Umgebung: dem bewegten und bewegenden Odenwald. Ursprünglich, friedlich, energiereich, umarmend, mystisch.

JH

Achtsam auf dem Weg

Es mutet geradezu grotesk an, dass wir mühsam Orte der Stille einrichten müssen, um dem lauten Strom des Alltags entfliehen zu können. Denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass unser Leben, wie wir es an „Werktagen“ führen, eigentlich wesensfremd ist. Unser Inneres ruft nach einem selbstbestimmten Energiefluss, also unserem individuellen Wesen gerecht zu werden und uns zu entfalten. Aber für die meisten Menschen gilt genau das von Montag bis mindestens Freitag nicht. Allerorts Maloche. „Muss ja“, antwortet der Ostwestfale, wenn man ihn fragt, wie es denn ginge. Und dann „Zerstreuung“, das Schlüsselwort unserer Zeit. Für viele Menschen vor dem Fernseher oder vor der Spielkonsole. Mit Alkohol oder anderen Drogen und ablenkenden Gewohnheiten. Sie kriegen vielleicht den gewissen Kick, kurzfristig, aber sie sind in diesen Fällen nicht wirklich bei sich selbst und im inneren Frieden.

Es gibt gewiss nicht DEN einen Weg, sich im Einklang zu fühlen mit sich und der Welt. Es gibt auch keine Blaupause, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Jeder folgt seiner inneren Stimme – wenn er oder sie denn hinhört.

Ich habe für mich herausgefunden, dass sich meine innere Stimme am besten meldet und verstanden fühlt, wenn ich dem Augenblick volle Aufmerksamkeit schenke. Wenn ich also voll und ganz im gegenwärtigen Moment bin und das bewusst wahrnehme, was ist. Und ich das, was ich in diesem Moment tue, mit größtmöglicher Hinwendung tue. Nicht immer ist das mit „Spaß“ verbunden, Aber mit Achtsamkeit und Achtung. Eben auch auf meine Gefühlswelt. Fühlt sich das, was ich tue, stimmig an? Dann kommen auch die stillen Momente, weil mir mein Körper oder mein Geist genau das signalisieren. Aber eben nicht im harten Kontrast zum „Alltagsgeschehen“, in Form einer Flucht, sondern eingebettet in den Alltag. Dann wird das Warten an der Haltestelle zur Achtsamkeitsübung und zur Ruheinsel. Oder das Warten beim Arzt. Oder die Zeit in einem Verkehrsstau. Oder der Spaziergang an der Sonne in der Mittagspause oder nach der Arbeit. Hier beginnt für mich bereits Meditation. Das Innehalten und Versunkensein, das mich spüren lässt – mich und meine Umgebung.

Jon Kabat-Zinn (emeritierter Professor der Medizin, Begründer der Achtsamkeitsmeditation „Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)“) sagt:

„Durch das Meditieren ist mir klargeworden, dass die Meditationspraxis eine Liebeserklärung an das Wunder des Lebens ist. Das ist keine narzisstische Liebe sondern die Einsicht, wie stark wir miteinander verbunden sind. Und dass mein Tod nur einen Atemzug davon entfernt ist. Es geht also nicht darum, ein Glaubenssystem zu übernehmen, vielmehr wird das Leben wie ein Labor gesehen, in dem wir wie Wissenschaftler unseren Körper und unseren Geist, unser Herz und das Wesen der Wirklichkeit erkunden“ (Quelle: Dokumentation: „Was uns heilig ist: Vom Wesen der Weisheit“ (ARTE, Frankreich, 2021)).

P.S. Ein Mensch meines Herzens schlug einst vor, es wäre gut, im öffentlichen Bereich „Räume der Stille“ zu errichten und allen Passanten zugänglich zu machen. Nun, ich halte das weiterhin für eine sehr gute Idee, die nach Umsetzung ruft.

JH

Dank an die Geburtshelfer und Wegbegleiter

Man kennt das vom Abspann eines Films: das Textband fegt meist viel zu schnell über die Leinwand, so dass man die einzelnen Namen all jener kaum erkennen kann, ohne die das Ergebnis nicht zustande gekommen wäre.

Ich widme meinen Unterstützerinnen und Unterstützern stattdessen einen würdevollen Platz im Blog.

Danke Cornelius. Als breit aufgestellter Künstler, Illustrator, Designer und Freund hast du mit deinem Know-how und deiner Geduld beim Aufbau der Websites sowie bei der finalen Produktion der Podcastfolgen entscheidenden Anteil. Das Ritual unserer langen Spaziergänge mit guten Gesprächen hat aus einer ersten Idee ein Projekt werden lassen. Ohne dich würde das Ganze nicht fliegen.

Dank an Niklas für den musikalischen Teil des Podcasts. Du bist ein Meister der Komposition und Realisierung. Zufälle gibt es nicht, was Begegnungen betrifft. Das hat sich auch hier wieder bewahrheitet. Beim Musikstil und bei der Instrumentalisierung brauchte es nicht viele Worte.

Dank an all die Gesprächspartner und Ideengeber, wohlwollenden Kritiker und Impulsgeber (m/w/d). Sie alle hier aufzuzählen erspare ich mir. Denn die Liste müsste ich wöchentlich ergänzen. Bei vier Menschen möchte ich mich aber ganz besonders bedanken: Kerstin, Jürgen, Yamilet und Hilal. Bis in die frühen Morgenstunden diskutieren wir, oft bei einem guten Glas Wein, und von Euch kommen viele wertvolle Anregungen. Daraus wurde jetzt schon Material für die nächsten Podcastfolgen und Blogbeiträge. Vielen Dank!

Und dem Leben habe ich zu danken. Es hat mich mit dem Tod bekannt gemacht. Zudem hat es mir menschliche Begegnungen geschenkt, ohne die ich heute nicht da wäre, wo ich bin. Ich trage auch diese Menschen voller Dankbarkeit im Herzen.

Euer Jörg