Der hundertste Affe

Die außergewöhnliche Zeit, in der wir gerade leben, geprägt durch erzwungenen Rückzug, auferlegte Isolation und Verunsicherung hat das Potenzial, uns für neue Einsichten zu öffnen. Jeder Einzelne kann viel mehr bewegen, als ihm/ihr bewusst ist.

Ich denke dieser Tage an das Ereignis aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Da beobachteten Forscher auf der japanischen Insel Kōjima eine Affenart, bei der es einen außergewöhnlichen Lernprozess gab. Entgegen der üblichen Ansicht, dass ältere Affen stets das Wissen an jüngere weitergeben, beobachtete man, dass ältere Affen plötzlich von jüngeren lernten. Was war geschehen? Die Forscher gaben einem Jungaffen Süßkartoffeln zu essen („der hundertste Affe“). Er begann diese zu waschen, bevor er sie aß. Das ahmten die anderen Jungtiere nach. Plötzlich zeigten auch die Altaffen in der Sippe dieses Verhalten. Nach und nach verbreitete es sich. Schließlich konnte dieses Verhalten auch in Kolonien außerhalb der Insel beobachtet werden – ein waschender Affe war vermutlich hinübergeschwommen.

Aus dieser Geschichte wurden pseudowissenschaftliche Schlüsse gezogen, etwa der Art, dass es einen Hundertsten bräuchte, um eine neue Entwicklungsdynamik zu initiieren. Dem möchte ich mich nicht anschließen. Vielmehr finde ich diese Geschichte bemerkenswert, weil sie doch zeigt, wieviel Macht oder Wirkung ein Einzelner haben kann, wenn er sein Verhalten sichtbar für andere ändert. Durch unsere neue, vor allem mediale Art zu kommunizieren und Informationen zu teilen, steht ein verändertes Verhalten Einzelner schneller und leichter anderen zur Verfügung. Verteilt sich auch in ungewöhnliche Richtungen.

Ob andere das Neue dann attraktiv genug finden, um es zu übernehmen, das steht auf einem anderen Blatt. Zudem wäre es, auf uns übertragen, nicht genug, einfach nur nachzuahmen. Nur aus Überzeugung hat das Neue eine dauerhafte Chance.

Und: es ist erstmal nur ein Potenzial.

JH

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