Zeitloses, unendliches Bewusstsein

Der Abend brachte eine feuchte Kühle mit. Sie hatte sich schnell im Tal oberhalb des Flusses ausgebreitet, während noch ein letztes schwaches Licht des Tages wie erlischende Glut die höchsten Kanten der felsigen Berge streifte. Das Loblied der Vögel auf den Tag hatte sich allmählich in den Wäldern verflüchtigt. Nur das rauschende Wasser begleitete den Ton der Stille.

Er hatte die Hütte verlassen und ließ sich von der Andacht des Augenblicks auf die Wiese locken, die gesäumt war von alten hohen Tannen. Er verharrte dort in der Mitte, als hätte ihn eine unhörbare Stimme gebeten, auf etwas zu warten. Sein Blick schweifte über den Schattenriss der Baumwipfel hinüber zum Bergmassiv, das einnehmend den Verlauf des Tals abschloss. Er hob den Kopf und die sich öffnende Weite des Raumes lud ihn ein, dem Licht der ersten Sterne zu folgen. So stand er eine ganze Weile, empfing die Lichtpunkte, die langsam wie aus einem nebelerfüllten Untergrund erschienen. Sein Körper begann zu frieren. Er schob die Hände in seine Hosentaschen und machte sich eng. Er hätte zurück ins Haus gehen können. Doch das hier war in seiner Allmächtigkeit und Erhabenheit wie eine Symphonie, der man sich nicht entziehen konnte. Seine Augen begannen irgendwann die Muster zu suchen, die Menschen schon vor Urzeiten erdacht hatten, um der Mystik des Firmaments und der Konstellation der Lichtkörper Erklärung und Orientierung zu geben. Der Hellste unter ihnen, Venus, der auch als erster erschienen war, fing seinen suchenden Blick ein. Von dort aus verfolgte er die gedachten Linien und Abstände. Bis er am Nordhimmel die markante Figur des Großen Bären erkannte. In ihm das Teilsternbild des Großen Wagens, das sich aus Büchern seiner frühen Jahre eingeprägt hatte. Bücher, in denen der gleiche suchende Blick der Seefahrer vergangener Tage beschrieben war. Diese Sternenanordnung war stets der Zwischenschritt auf der Suche nach dem Polarstern, der den Norden weist und den man findet, wenn man den Abstand der beiden Sterne am Kastenende des Wagens fünfmal verlängert.

Schon immer hatte ihn diese unerreichbare und doch so nahe Welt ergriffen. Seine kindlichen Übungen bestanden in dem kläglichen Versuch, sich die Unendlichkeit vorzustellen. Er ließ davon nie ab. Auch nicht in diesem Augenblick. Es war der immerwährende Reiz, eine Tür zu öffnen, die man nicht zu öffnen ermächtigt war. Es legte sich stattdessen eine unsichtbare, sanfte und vertraute Hand auf die Schulter und ließ ihn spüren, dass es nicht um diese Tür ging und was sich hinter ihr verbergen möge. Aus dieser Hand floss das Gefühl, das unendlich Große wäre nicht nur dort oben zu suchen, sondern auch im Kosmos, der sich in ihm selbst erstreckte. Möglicherweise mit der gleichen Unendlichkeit. Mit der gleichen Weite und Tiefe.

Sein Blick blieb auf das Viereck des Wagens gerichtet und ließ sich weiterleiten auf die drei Sterne der Deichsel. Der letzte von ihnen, der Handgriff des Wagens am vorderen Ende der Deichsel, hieß Alkaid oder Benetnasch. In der altarabischen Deutung wies man diesem Stern die Rolle des Anführers der Klageweiber zu, die vor der Totenbahre hergehen. Die drei Sterne der Deichsel bildeten die Gruppe der Klagenden. Diese Bedeutung wurde ihm erst sehr viel später klar, als er Alkaid, den er sich als Fünfzehnjähriger eines Nachts als seinen Stern ausgesucht hatte, näher hinterfragte. Mit der mythologischen Zuweisung konnte er lange Zeit nichts anfangen. Erst später, nach Begegnungen mit dem Tod, verlor die Bedeutung Alkaids ihren Schatten. Tod, so hatte er gelernt, ist Leben – nur aus einer anderen Perspektive. Nichts vergeht. Es wandelt sich. Immer. Und immer wieder. Nach jedem Ende folgt ein Anfang. Erst als er den Tod zuließ, rückte Alkaid in ein anderes Licht, gewann Stärke und Ausdruck.

Was ihn seit seinen Kindheitstagen beeindruckte, war die Reise des Lichts. Ihm wurde durch seinen Stern erst klar, dass das Licht, welches von diesem Himmelskörper damals, als er fünfzehn war, ausging, hier nach seinem Tod ankommen würde. Einhundert Lichtjahre entfernt stand der unscheinbar leuchtende Punkt dort oben. Astronomen sprachen von direkter Nachbarschaft. Das Licht, das jetzt in diesem Augenblick in sein Auge fiel, machte sich vor einhundert Jahren auf den Weg. In seiner Vorstellung überlegte er, was vor hundert Jahren passierte. Immer wieder in all den Jahren und Jahrzehnten, wenn der Himmel so war wie in dieser Nacht, kam er nicht umhin, seinen Blick einen Moment auf seinem Stern ruhen zu lassen. Als wäre es das Treffen mit einem guten alten Freund, der selbstlos stets zur Stelle war, wenn man ihn sehen wollte. Es hatte etwas Verlässliches. Es verkörperte Sicherheit und Trost im Fluss des Lebens. Beständigkeit. Halt. Es nährte auch das Gewahrsein, dass Zeit und in ihr Veränderung keinem einheitlichen Lauf folgte. Was in unserer Wahrnehmung kurz oder lang schien, war im Maßstab des Raumes, den die sichtbaren Gestirne aufspannten, nicht mehr als ein Wimpernschlag. Oder nicht mal das.

Unterdessen schlichen sich die Gestirne mit dem unmerklichen Rückzug der letzten zaghaften Spuren des Tageslichts vollständig auf die tiefschwarze Bühne. Ihr Licht wurde immer stärker und klarer mit einer Brillanz, die unsere lichtdurchfluteten Städte schon längst vertrieben hatten.

Der Ort, an dem er frierend vor Ehrfurcht und einziehender Kälte stand, hielt ihn fest. Als wäre das Schauspiel nur für ihn gemacht, verharrte er. Die Zeit wurde langsam. Frieden wurde fühlbar. Seine Gedanken wurden ruhig und sein Innerstes verband sich ergriffen mit einer Quelle, die vertraut schien. Alles umarmte ihn. Er umarmte all das. Nichts war mehr ohne Verbindung. Nichts war zu viel, nichts zu wenig. Wärmende Vertrautheit durchfloss ihn, bis er seinen Körper verlor und alles zeitloses, unendliches Bewusstsein war.

JH

Eine Antwort auf „Zeitloses, unendliches Bewusstsein“

  1. Sehr schön geschrieben. Ich hatte Bilder im Kopf. Ich kenne das, weil es erdet und man nimmt sich nicht mehr so wichtig.

    Grüezi aus Giswil
    Renate

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